Ute Haese
Kein gefundenes Fressen (Ute Haese)

Die Freude einiger konservativer Wissenschaftler (und Politiker) war wohl doch verfrüht. Fast schien es so, als sei die Wissenschaft nun endlich auf dem "richtigen" Weg, das unberechenbare Wesen Mensch zu entschlüsseln - und nun ist es offenbar wieder nix. In aller Deutlichkeit warnten jüngst führende Genetiker auf einer Tagung ihrer Zunft in den USA vor einem übertriebenen Glauben an den Einfluss der Gene auf das menschliche Verhalten. Die Wissenschaftler, unter ihnen der führende Genforscher Luca Cavalli-Sforza, erteilten der Vorstellung eine Absage, Intelligenz, Kriminalität, Homosexualität oder Alkoholismus seien einzig und allein auf die Macht der Gene zurückzuführen - wie dies jüngst zu lesen war. Für viele Politiker waren solche wissenschaftlichen Erkenntnisse ein gefundenes Fressen: Niemand wäre mehr für sein persönliches Schicksal selbst verantwortlich - alles genetisch bedingt. Schuld hätten Mamis und Papis Erbanlagen. Und: Auf gesellschaftlicher Ebene hätte man alle Bemühungen um eine humane Gestaltung und Verbesserung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen getrost einstellen können. Denn wer nun einmal das Pech hat, mit "schlechten Genen" geboren worden zu sein, dem ist eben nicht zu helfen. Doch so einfach ist die Sache nicht. Gene haben, so betonen die Wissenschaftler um Cavalli-Sforza, "keinen absoluten Einfluss, sondern wirken im Zusammenspiel mit den Umweltfaktoren". Eine Persönlichkeit wird also nicht als solche geboren, sondern im Verlaufe ihres Lebens geformt. Damit bleibt die individuelle, vor allem aber die gesellschaftliche Verantwortung für Fehlentwicklungen bestehen und damit die Verpflichtung der Politik, sich um die Schaffung einer menschenwürdigen Gesellschaft mit möglichst gleichen Chancen für alle Menschen zu bemühen.

(Publik-Forum 5/1995, übernommen in: Heinz Schmidt, Ethisch urteilen - moralisch handeln. Grundmodelle ethischer Urteilsbildung aus philosophischer Sicht. [Kurs Ethik, Materialien für den Unterricht in Ethik/Werte und Normen in der Sekundarstufe II, hrsg. v. Uwe Gerber und Heinz Schmidt], Frankfurt am Main 1997)

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